Selbstbestimmt und solidarisch! Konferenz zu Migration, Entwicklung und ökologischer Krise 06.-08. Oktober 2017 in Leipzig

Dekolonisierung als Fluchtpunkt

Seit jeher gehört „Entwicklung“ zu einem der schillerndsten, ja umstrittensten Begriffe in der politischen Nord-Süd-Debatte. Die einen halten ihn für unverzichtbar, andere lehnen ihn ab – wir verwenden ihn mit dem Zusatz „selbstbestimmt“. Bei der Konferenz werden deshalb unterschiedliche Entwicklungskonzepte eine wichtige Rolle spielen, auch unter Berücksichtigung einiger der hier skizzierten Positionen aus der jüngeren Geschichte: (siehe unten)

Programm

Freitag

  • Ab 15:00 Uhr: Registrierung
  • Ab 16:00 Uhr: Offene Einstiege

Einführungsworkshops, Theater und Projektebörse (siehe unten)

  • 19:00 Uhr: Auftaktvorträge mit anschließender Fishbowl-Diskussion: Kritische Perspektiven auf Migration, Entwicklung und ökologische Krise

+++ Boniface Mabanza (Kirchliche Arbeitsstelle Südliches Afrika, KASA, Heidelberg)

+++ Freweyni Habtemariam (Eritrean Initiative for Dialogue and Cooperation, Berlin)

21:30 Uhr: Theater, Film und Kleingruppendiskussion

Samstag

  • 09:30 Uhr – 11:00 Uhr: Auftaktpodien:
  • Kämpfe von Frauen für selbstbestimmte Entwicklung

+++ Mercia Andrews (Trust for community outreach and education (TCOE), Südafrika)

+++ Dora Sandrine Ndedi (Aktivistin, Berlin)

+++ Nyima Jadama (Journalistin, Freiburg)

  • Leben auf Kosten anderer: Kapitalismus, (Neo-)Kolonialismus und die Ausbeutung von Mensch und Natur

+++ Ulrich Brand (Universität Wien, Österreich)

+++ Lucía Muriel (Gründungsmitglied und Vorsitzende des migrantischen Bundesverbandes Migration, Entwicklung und Partizipation MEPa e.V., Berlin)

+++ Carolina Tamayo Rojas (Uni Bielefeld)

  • Zur Aktualität anti-kolonialer (Entwicklungs-)Konzepte

+++ Gbassycolo Konaté (ökologisches Künstler*innenkollektiv Faso Kele / Afrique-Europe-Interact, Guinea)

+++ Hamado Dipama (Arbeitskreis Panafrikanismus, München)

  • Soziale Bewegungen in Afrika, ökologische Krise und Alternativen zu Entwicklung

+++ Victor Nzuzi (Bauer und Aktivist, Afrique-Europe-Interact / La Via Campesina, DR Kongo

+++ Nnimmo Bassey (Architekt und Umweltaktivist, Nigeria – angefragt)

11:30 Uhr – 19:00: Workshops, Filme und Vernetzungstreffen (siehe unten)

20:00 Uhr – 20:30 Uhr: Theater

„Eldorado – Europa“: Riadh Ben Ammar (Afrique-Europe-Interact/Theater für Bewegungsfreiheit)

  • 20:30 Uhr: – 22:00 Uhr: Podiumsdiskussion: Kriminalisierung der Migration und Marshallplan mit Afrika – ein Gegensatz oder die beiden Seiten derselben Medaille?

+++ Alassane Dicko (Afrique-Europe-Interact, Mali)

+++ Rex Osa (Flüchtlingsaktivist, Stuttgart)

+++ Napuli Paul Göhrlich (Geflüchtetenaktivistin, Berlin)

Ab 22:00 Uhr

Party, Konzert, Tanzen, Film

Sonntag

09:30 Uhr – 11:00 Uhr: World-Café zu den Leitfragen der Konferenz

11:30 Uhr – 13:00 Uhr: Abschlussdebatte und Abschlussdeklaration:

What’s next? Schlussfolgerungen nach zwei Tagen Debatte. Mit Inputs von Emmanuel Mbolela (Afrique-Europe-Interact, Niederlande) und Maria do Mar Castro Varela (Alice-Salomon-Hochschule, Berlin – angefragt)

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Workshops

Hinweis: Viele der Workshop-Titel sind noch Arbeitstitel, eine Liste der Workshop-Leiter_innen findet sich weiter unten

1. Migration: Von der Notwendigkeit zu gehen

+++ Bleiben oder Gehen? Chancen und Risiken von Infokampagnen unter jungen Leuten in afrikanischen Ländern

+++ Zirkuläre Migration als echte Alternative zu Abschiebung und „freiwilliger“ Ausreise

+++ Stress als Grundzustand: Geflüchtete zwischen Isolation, Rassismus und Abschiebeangst

+++ Die Stimme erheben – Selbstorganisierte Zeitschriften von und für geflüchtete und migrantische Frauen

2. Fluchtursachen dekolonial ausbuchstabiert

+++ Agrarindustrie contra Kleinbäuerliche Landwirtschaft

+++ Klimawandel und Migration

+++ Ressourcen-Ausbeutung und korrupter Staat (Kongo, Niger und Mali)

+++ Occidentalisation: Zur Identifizierung afrikanischer Eliten mit westlichen Denk- und Handlungsstrategien

+++ Ökozid im Nigerdelta: Flucht und Migration als Folge westlicher Rohstoffpolitik.

+++ Koloniale Erbschaften: Zur Dominanz kolonialer Sprachen im Bildungssystem afrikanischer Länder

+++ Zu den Auswirkungen neoliberaler Handelsabkommen zwischen Afrika und Europa

Globale Gerechtigkeit, Klimawandel und Migration

3. Kritik an Entwicklung & Alternativen zu Entwicklung

+++ Entwicklungspolitik in bzw. mit autoritären Regimen – und Widerstand dagegen. Das Beispiel Äthiopien

+++ Wie Migrant_innen durch Geldüberweisungen und Erfahrungstransfers zur selbstbestimmten Entwicklung von unten beitragen

+++ Geschichte der Ungleichheit zwischen Nord und Süd aus der Perspektive des Post-Development-Ansatzes

+++ Alternativen zum westlichen Entwicklungsmodell in der zapatistischen Bewegung

+++ Vom Leben auf Kosten anderer zu globaler Solidarität

+++ Ökologische Landwirtschaft und Bewegungsfreiheit: Das Künstler_innendorf Faso Kele in Guinea

+++ Kommerzielle Landwirtschaft, Migrant_innen und die Rolle von Gewerkschaften. Das Beispiel Südafrika

4. Allianzen und Kooperationen: Gemeinsam für globale Gerechtigkeit

+++ Transnationale Verbindungen: Die Arbeit von Voix des Migrants in Europa und Kamerun

+++ Reparationen für Versklavung und ökologische Zerstörung – Erfahrungen aus der Karibik

+++ Zum Umgang mit unterschiedlichen Positionen und Privilegien in der transnationalen Zusammenarbeit. Erfahrungen aus der Arbeit von Afrique-Europe-Interact

+++ Diaspora meets Geflüchtetenbewegung: Möglichkeiten und Grenzen der Solidarität

Filme & Ausstellungen

Im Begrüßungs- und Aufenthaltsbereich der Konferenz wird es mehrere kleine Ausstellungen geben. Außerdem werden wir unter anderem folgende Filme zeigen:

God is not working on Sunday!, Ruanda 2015, 84 Minuten

Mehrfach preisgekrönter Film zur Situation von Frauen nach dem Genozid in Ruanda 1994. Ohne finanzielle Mittel oder eine einschlägige Ausbildung ist es einigen Frauen gelungen, ein lebendiges und unabhängiges Frauen-Netzwerk zu schaffen, das heute eine wichtige Rolle beim Wiederaufbau der Nachbarschaften, im Versöhnungsprozess und beim Vorantreiben des sozialen Wandels spielt. Mit der Regisseurin Leona Goldstein.

Revolution mit bloßen Händen, Ouagadougou/Wien 2015, 90 Minuten

Ein Film über die Revolution in Burkina Faso im Oktober 2014. Hans-Georg Eberl (der den Film mit Moussa Ouédraogo produziert hat) wird vor Ort sein.

Kamerun – Autopsie einer Unabhängigkeit, Frankreich 2008, 52 Minuten

Frankreichs schmutziger Geheimkrieg gegen die Unabhängigkeitsbewegung in Kamerun. Der Filmemacher Richard Djif und der Buchautor Péguy Tadkou Ndie werden den Film präsentieren.

Concerning Violence, Schweden/USA/Dänemark/Finnland 2014, 85 Minuten

Dokumentarfilm über den Kolonialismus, der auf dem antikolonialen Klassiker „Die Verdammten dieser Erde“ von Frantz Fanon basiert.

Der Mann, der die Wüste aufhielt, 2013, 52 Minuten

Wie der Bauer Yacouba Sawadogo mit Aufholzung und anderen agroforstwirtschaftlichen Methoden die Ausbreitung der Wüste in seinem Dorf im Norden von Burkina Faso stoppte.

Namen der Referent_innen (noch unvollständig)

Mercia Andrews (Direktorin von Trust for community outreach

and education, Südafrika), Riadh Ben Ammar (Theatermacher, AEI, Berlin), Olaf Bernau (AEI, Bremen), Daniel Bendix (glokal, Berlin), Ulrich Brand (Universität Wien, Österreich), Julia Daiber (AEI, Bremen), Tahir Della (Initiative Schwarze Menschen in Deutschland, ISD / glokal), Abbas Diallo (AEI, Magdeburg), Alassane Dicko (AEI, Mali), Hamado Dipama (Arbeitskreis Panafrikanismus, München), Peter Donatus (Umwelt- und Menschenrechtsaktivist, Köln), Stephan Dünnwald (Bayrischer Flüchtlingsrat, München), Richard Djif (Filmemacher, AEI, Berlin), Carina Flores (Entwicklungspolitisches Netzwerk Sachsen, Leipzig), Dorette Führer (AEI, Bremen), Geraud Potago (NoStress-Tour), Hans-Georg Eberl (AEI, Wien), Gustavo Estava (Post-Development-Aktivist, Mexiko Stadt), Malcolm Ferdinand (Royal Netherlands Institute of Southeast Asian and Caribbean Studies, Niederlande), Julia Friese (AEI, Guinea), Conni Gunnßer (Flüchtlingsrat Hamburg), Miriam Gutekunst (Konzeptwerk Neue Ökonomie, Leipzig), Leona Goldstein (Filmemacherin, Berlin), Ousman Oumarou Hamani (AEI, Bremen), Nyima Jadama (Journalistin, Freiburg), Gbassycolo Konaté (Faso Kele, Guinea), Lydia Lierke (Konzeptwerk Neue Ökonomie, Halle), Boniface Mabanza (Kirchliche Arbeitsstelle Südliches Afrika, KASA, Heidelberg), Manuela Matthes (Friedrich-Ebert-Stiftung, Berlin), Emmanuel Mbolela (AEI und ARCOM, Niederlande), Mehrere namentlich nicht genannte Aktivist_innen (Corasol, Berlin), Ermyas Mulugeta (Politikwissenschaftler, Potsdam), Franziska Müller, Universität Kassel / kassel postkolonial), Lucía Muriel (Bundesverband Migration, Entwicklung und Partizipation, Berlin), Dora Sandrine Ndedi (Aktivistin, Berlin), Péguy Tadkou Ndie (Buchautor, AEI, Berlin), Victor Nzuzi (La Via Campesina, Demokratische Republik Kongo), Rex Osa (Flüchtlingsaktivist, Stuttgart), Carolina Tamayo Rojas (Bielefeld), Miguel Ruiz (Entwicklungspolitisches Netzwerk Sachsen, Leipzig), Matthias Schmelzer (Konzeptwerk Neue Ökonomie, Berlin), Trésor (Voix des Migrants, Berlin), Miriam Trzeciak (Uni Kassel), Ekanga Claude Wilfried (Buchautor, Frankfurt), Darik Yonkeu (NoStress-Tour, Berlin), Aram Ziai, Universität Kassel / kassel postkolonial.

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Praktische Informationen

Sprachen: Alle Podien und Workshops werden in drei Sprachen stattfinden (deutsch, französisch und englisch) – weitere Sprachen müssen nach Bedarf organisiert werden. Wer das Übersetzungsteam verstärken möchte oder als Ersatz zur Verfügung steht (ob für simultane oder konsekutive Übersetzung), möge sich bitte bei uns melden.

Konferenzort: Die Konferenz findet in Leipzig im Westbad (Innenstadtbereich) statt: Odermannstr. 15, 04177 Leipzig

Verpflegung: Während der Konferenz wird eine KüFa (Küche für Alle) kochen. Es wird Frühstück, Mittag- und Abendessen gegen Spende geben, das Essen wird vegan sein.  

Teilnahme- und Fahrtkosten: Jede_r soll an der Konferenz teilnehmen können. Deshalb möchten wir die Fahrtkosten von denjenigen übernehmen, die die Anreise nicht selber finanzieren können (bitte billige Anreise mit Bus, Frühbucherrabatt, Quer-durchs-Land-Ticket, Mitfahrgelegenheit etc. nutzen). Damit dies möglich ist, bitten wir um einen Teilnahmebeitrag von allen, die sich das leisten können (20 bis 60 Euro – je nach Selbsteinschätzung).

Übernachten: Für alle, die keine andere Übernachtungsmöglichkeit in Leipzig haben, wird es eine Schlafplatzbörse geben.

Anmeldung: Die Online-Anmeldung zur Konferenz startet ab Mitte August auf: www.degrowth.de.

Infos & Kontakt: Infos zur Konferenz und inhaltliche Hintergrundinformationen finden sich auf www.degrowth.de und www.afrique-europe-interact.net

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Dekolonisierung als Fluchtpunkt

Spätestens seit Geflüchtete im Sommer 2015 das europäische Grenzregime vorübergehend aus den Angeln gehoben haben, ist die Beschäftigung mit Fluchtursachen zu einer Art Dauerbrenner in der europäischen Öffentlichkeit avanciert – dies insbesondere mit Blick auf afrikanische Länder. Denn die EU-Regierungen hoffen, auf diese Weise die Zahl neu ankommender Geflüchteter deutlich reduzieren zu können.

Mittels milliardenschwerer Programme wie dem „Marshallplan mit Afrika“ oder dem jüngst beim G20-Gipel in Hamburg beschlossenen „Compact with Africa“ sollen Privatinvestitionen aus den reichen Ländern gefördert werden. Nur so, heißt es, ließen sich jene Wachstumsimpulse setzen, die langfristig zu wirtschaftlichem Aufschwung und somit neuen Arbeitsplätzen in Afrika führen würden. Gleichzeitig ist die EU weiterhin mit der Vorverlagerung ihres Grenzregimes beschäftigt. Dabei schreckt sie auch nicht vor einer Kooperation mit Diktaturen wie im Sudan oder Eritrea zurück – genauso wenig wie vor einer Zusammenarbeit mit der libyschen Küstenwache, obwohl selbst das deutsche Außenministerium die Situation in libyschen Auffanglagern als blanken Horror beschreibt.

Doch nicht nur die Inkaufnahme schwerster Menschenrechtsverletzungen ist skandalös. Nicht weniger dramatisch ist, dass die ins Auge gefassten Entwicklungsstrategien in erster Linie den Profitinteressen transnationaler Unternehmen dienen, nicht aber dem Wohl jener Länder, um die es eigentlich geht. Vor allem drei Aspekte sind in diesem Zusammenhang zu berücksichtigen – auch mit Blick darauf, dass wir bei der Konferenz verschiedene Themen und Fragestellungen verknüpfen wollen: Erstens sind die katastrophalen sozialen, wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse im Süden des Globus das Ergebnis jahrhundertelanger, tief im Kolonialismus verankerter Dominanz- und Ausbeutungsverhältnisse – einschließlich der Installierung oder des Schutzes „westlich“ orientierter Regime. Jedes Reden über Entwicklung muss sich diesem komplexen Erbe stellen, ein schlichtes „Weiter-So“ verbietet sich von selbst. Zweitens ist es irreführend, Migration und Entwicklung als Gegensätze zu präsentieren – so wie das seitens der Politik in aller Regel passiert. Denn Geflüchtete und Migrant_innen – die Übergänge zwischen den beiden Gruppen sind fließend – leisten unter anderem durch regelmäßige Geldüberweisungen an ihre Familien und Freund_innen einen bedeutsamen Beitrag zur Entwicklung ihrer Herkunftsgesellschaften. Wo dies durch repressive Migrationspolitik verhindert wird, drohen beträchtliche Finanzengpässe bei Ernährung, Gesundheitsversorgung und Schulbildung, wofür die Rücküberweisungen in aller Regel verwendet werden. Drittens ist die Welt von vielfältigen ökologischen Krisen betroffen – insbesondere hinsichtlich Klima, Bodenqualität, Wasser und Biodiversität. Ungebremstes Wirtschaftswachstum, jetzt auch im Süden des Globus, ist daher auf keinen Fall eine Lösung. Hier bedarf es ganz anderer Debatten, vor allem zur Frage, was überhaupt unter selbstbestimmter Entwicklung zu verstehen ist. In diesem Sinne sollen bei der Konferenz ganz verschiedene Fragen zur Sprache kommen:

+++ Aus welchen Gründen machen sich Geflüchtete und Migrant_innen auf den Weg? Stichwort: „Wir sind hier, weil ihr unsere Länder zerstört!“.

+++ Was ist gemeint, wenn wir das Recht auf selbstbestimmte Entwicklung fordern? Geht es um die Befriedigung von Grundbedürfnissen oder haben wir weitergehende Konzepte zur Veränderung ganzer Gesellschaften im Kopf? Ist es überhaupt sinnvoll, von „Entwicklung“ zu sprechen oder sollten wir andere Begriffe benutzen?

+++ Welche alternativen Konzepte oder Strategien zum dominanten westlichen Entwicklungsmodell gibt es bereits? Was können wir von Konzepten wie “Ernährungssouveränität”, “Buen Vivir”, “Klimagerechtigkeit”, “Degrowth” oder “Post-Development” lernen?

+++ In welchen Bereichen muss es auf globaler, nationaler und lokaler Ebene jeweils Veränderungen geben, damit überhaupt so etwas wie selbstbestimmte Entwicklung möglich ist?

+++ Wie können Migrant_innen und Geflüchtete in Europa – oder die Diaspora-Communities insgesamt – alternative Entwicklungswege von unten in ihren Herkunftsländern politisch, finanziell und sozial unterstützen, auch im Rahmen zirkulärer Migration? Und wie können Menschen ohne Migrationsgeschichte dabei mitwirken?

+++ In welche Richtung müssen sich die reichen Länder (einschließlich der transnationalen Verbraucherklassen in Nord und Süd) entwickeln, wenn es nicht endgültig zum ökologischen (Klima-)Kollaps kommen soll? Konkreter: Inwiefern müssen die Ökonomien der reichen Industrieländer schrumpfen bzw. durch andere Wirtschaftsweisen ersetzt werden, damit die Menschen in den seit Jahrhunderten arm gemachten Ländern des globalen Südens endlich Luft zum Atmen bzw. zur selbstbestimmten Entwicklung bekommen?

Schließlich: Unsere Konferenz steht unter dem Titel „selbstbestimmt und solidarisch“. Einerseits, um jener Haltung zu widersprechen, die Entwicklung lediglich als Kopie des westlich-kapitalistischen Modernisierungspfads zu begreifen vermag. Andererseits, um deutlich zu machen, dass globale Solidarität Voraussetzung für kollektiv verankerte und somit an den wirklichen Interessen der Menschen orientierte Entwicklungsprozesse ist – ganz im Sinne des aus Martinique stammenden Befreiungstheoretikers Frantz Fanon (1925-1961), der in seinem berühmten Werk „Die Verdammten dieser Erde“ den Prozess der Dekolonisierung als Selbstermächtigung beschrieben hat: „Die Dekolonisation geschieht niemals unbemerkt, denn sie betrifft das Sein, sie modifiziert das Sein grundlegend, sie verwandelt die in Unwesentlichkeit abgesunkenen Zuschauer in privilegierte Akteure, die in gleichsam grandioser Gestalt vom Lichtkegel der Geschichte erfasst werden. Sie führt in das Sein einen eigenen, von den neuen Menschen mitgebrachten Rhythmus ein, eine neue Sprache, eine neue Menschlichkeit.“

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Alternative Entwicklungskonzepte

Seit jeher gehört „Entwicklung“ zu einem der schillerndsten, ja umstrittensten Begriffe in der politischen Nord-Süd-Debatte. Die einen halten ihn für unverzichtbar, andere lehnen ihn ab – wir verwenden ihn mit dem Zusatz „selbstbestimmt“. Bei der Konferenz werden deshalb unterschiedliche Entwicklungskonzepte eine wichtige Rolle spielen, auch unter Berücksichtigung einiger der hier skizzierten Positionen aus der jüngeren Geschichte:

In den ersten zwei Jahrzehnten nach dem zweiten Weltkrieg erlangten 50 ehemalige Kolonien ihre staatliche Unabhängigkeit, darunter Indien im Jahr 1947, Indonesien im Jahr 1949 und 17 afrikanische Länder im Jahr 1960. Die anfängliche Begeisterung war riesig, viele Länder wollten durch rasche Industrialisierung den technischen Vorsprung der Industrieländer wettmachen, der Optimismus schien keine Grenzen zu kennen. So sprach der erste Präsident des unabhängigen Ghana, Kwame Nkrumah, davon, „dass wir Afrikaner, mit unserer tief verwurzelten Weisheit und Würde, unserem angeborenen Respekt für das menschliche Leben, unserer ungewöhnlich ausgeprägten Menschlichkeit, die unser Erbe ist, unter einer föderalen Regierung vereint, nicht bloß einen weiteren Block hervorbringen werden, der seinen Reichtum und seine Stärke zur Schau trägt, sondern eine Großmacht, deren Größe unzerstörbar ist, da sie nicht auf Angst, Neid und Argwohn beruht oder auf Kosten anderer erreicht wurde, sondern auf Hoffnung, Vertrauen, Freundschaft gründet und das Gute der gesamten Menschheit zum Ziel hat.“

Gleichzeitig bildete sich schrittweise die vor allem in Lateinamerika verankerte Dependenztheorie heraus, die die gesellschaftliche Verfasstheit der armen Länder nicht auf interne Mängel an Bildung oder Demokratie zurückführte, sondern auf deren asymmetrische Einbindung in den Weltmarkt. Passend hierzu veröffentlichte der uruguayische Schriftsteller Eduardo Galeano 1971 sein Werk „Die offenen Adern Lateinamerikas“, in dem er sich mit den Kolonialismen alter und neuer Prägung auseinandersetzt. Nur ein Jahr später folgte das ebenfalls richtungsweisende Werk „How Europe underdeveloped Africa“ (dt: Afrika – die Geschichte einer Unterentwicklung) des Historikers und Panafrikanisten Walter Rodney (1942-1980) aus Guyana.

Moderate, seit den 1970er Jahren vor allem im entwicklungspolitischen Spektrum vertretene Ansätze zogen die knallharten Sachzwänge des kapitalistischen Weltmarktes zwar nicht in Zweifel, hielten aber an der herkömmlichen Entwicklungsidee fest: Stellvertretend zitiert sei der deutsche Geograph Theo Rauch, er definiert gesellschaftliche Entwicklung „als Prozess der Zunahme der gesellschaftlichen Fähigkeit zu kontextgerechten und selbstbestimmten Lösungen von Problemen bzw. zur vorausschauenden Vermeidung zukünftiger Probleme, wobei insbesondere die Befriedigung universell anerkannter (materieller und immaterieller) Grundbedürfnisse als Maßstab bei der Problemidentifikation zu berücksichtigen ist.“

Große Anerkennung fand des Weiteren der von Amartya Sen und Martha Nussbaum entwickelte Befähigungsansatz (Capability Approach) – und zwar nicht nur bei internationalen Entwicklungsinstitutionen wie der Weltbank, sondern auch bei aktivistischen Basisinitiativen: Danach sollte Armut – in Abgrenzung zu Einkommensarmut – als Vorenthaltung grundlegender Fähigkeiten zur Existenzbewältigung bestimmt werden. Die Blockade dieser Fähigkeiten durch Krankheit, Mangelernährung, fehlenden Zugang zu Wissen etc. sei daher der eigentliche Kern des Armutsproblems.

Seit den 1980er Jahren traten zunehmend Post-Development-Akteure auf den Plan: Sie kritisierten, dass das koloniale Projekt der „Zivilisierung der Unzivilisierten“ in der Nachkriegszeit durch die technokratische „Entwicklung der Unterentwickelten“ abgelöst wurde. Andere Gesellschaftsentwürfe werden so nicht als gleichwertige Möglichkeiten der Organisierung menschlichen Zusammenlebens respektiert. Umso wichtiger sei es, Lebensqualität nicht mit der Summe gekaufter Waren in eins zu setzen, sondern sich an Werten wie Gastfreundschaft, Würde und Solidarität zu orientieren. Post-Development-Protagonist_innen haben große Gemeinsamkeiten mit dem Buen Vivir-Ansatz, der sich aus indigenen und feministischen Basisbewegungen entwickelt hat und nicht zuletzt den Schutz ökologischer Ressourcen in den Mittelpunkt stellt. Entsprechend spielen auch Konzepte wie Ernährungssouveränität oder Perspektiven der indischen Adivasi-Bewegungen eine wichtige Rolle.

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